FILME

TÖDLICHE PISTEN (ARD 1997)

Dazu schrieb die Berliner Tageszeitung 1997:

________________________________________________________________________________________

Der Tag als der Mob die Inder hetzte (2008 ARD)

Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen in Mügeln, 14 Jahre danach es verstanden haben, was in jenem August 2007 und danach geschehen ist?

_________________________________________________________________________________________

Istanbul war ein Märchen – (HR – arte 2010)

Die große Stadt. Die alte Stadt. Die Metropole. Sie ist immer kondensierte Gegenwart und Geschichte zugleich, ist Moloch und Mysterium, „melting pot“ und Mythos. Für Filmemacher Kamil Taylan ist Istanbul auch noch ein Märchen. Denn es war einmal etwas möglich und wirklich in dieser Stadt, von dem man heute nur träumen kann: die friedliche und zudem produktive Koexistenz dreier Religionen und noch zahlreicherer Völkerschaften. Türken, Juden, Armenier und Griechen bebauten, bewohnten, belebten und gestalteten Istanbul gemeinsam – bis Kriege, Nationalismus und Pogrome dem Märchen den Garaus machten. Die Stadt hatte in ihrer zweieinhalbtausendjährigen Geschichte alles in allem 140 Namen, von denen Konstantinopel und Byzanz die bekanntesten sind. Historischen Glanz gössen die byzantinischen Kaiser, die osmanischen Paschas über die Stadt aus. Das ist lange her, aber immer noch spür- und sichtbar. Das Istanbul von heute, eine verarmte, um den Anschluss an Europa und die Moderne ringende Stadt, verströmt keinen Glanz mehr. Stattdessen herrscht „hüzün“, ein Gefühl der Melancholie und der Sehnsucht nach verlorener Bedeutung. Niemand hat „hüzün“ so einfühlsam heraufbeschworen wie der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem Buch „Istanbul“. Pamuk ist einer von Taylans Gewährsleuten, er will ein Museum in Istanbul eröffnen, das anhand von Fotos und Dokumenten die jüngere Geschichte der Stadt rekonstruieren helfen soll. Des Filmes Hauptdarstellerin aber ist natürlich Istanbul selbst, die Stadt am Goldenen Hörn mit ihren alten Vierteln und der geschichtsträchtigen Straße namens Pera, so die traditionelle Bezeichnung. Der neue Name lautet: Straße der Unabhängigkeit. Hier hat Taylan seine Kameras aufgestellt, und man staunt, wie viel wirklich urige Holzhäuser und nicht ganz so alte wunderhübsche Jugendstilhäuser Istanbul noch zu bieten hat. Der Jugendstil hatte seinerzeit kein Problem damit, alte Pracht in seinem Dekor und seinem Appeal zu zitieren, und so lässt sich auf der Pera doppelt „hüzün“ atmen: Sehnsucht nach vergangener Größe, die in jüngerer Größe scheinbar aufbewahrt ist – und auch schon wieder verfällt.Fotograf Ära Güler ist ein weiterer Protagonist. Zu seinen Bildern berichtet Taylan von der Vertreibung nichttürkischer Minderheiten im 20. Jahrhundert. Man markierte ihre Häuser, belegte sie mit einer Sondersteuer, verbot ihre Sprachen. Das Schicksal der Armenier ist bekannt. Nur die Türken tun sich schwer damit. Juden und Griechen wurden ebenfalls verfolgt. Aber die ethnische Säuberung brachte sie nicht zurück, die Zeit der Großmacht, die unter der osmanischen Herrschaft den Stolz des Türkentums ausmachte. Die Türkei hatte ihren hohen Rang endgültig eingebüßt. Und die Verzweiflung angesichts des Abstiegs, die Erinnerung an bessere Märchenzeiten und ein kühner Feldversuch, die Stadt durch Zuzug zu entwickeln (aus 1,2 Millionen Istanbulern 1960 wurden 20 Millionen heute!) all das ist in diesem Film über die einzige Stadt der Welt, die ihr Areal über zwei Erdteile, Europa und Asien, ausbreitet, in sprechenden Bildern erfahrbar. Mit Elif Safak kommt eine junge Schriftstellerin zu Wort, die auf englisch und türkisch schreibt und für die Freiheit der Künste streitet. Der türkische Nationalismus hat im Verein mit dem religiösen Rigorismus viel zerstört und behindert, was den einstigen „melting pot“ Istanbul so attraktiv gemacht hat. Wird es eine neue Öffnung geben? Wird Istanbul als Kulturhauptstadt 2010 dazu einen Beitrag leisten?Taylan wagt klugerweise keine Prognose. Sein Film ist eine historische Studie (knapp und notwendigerweise plakativ) und eine facettenreiche Ansicht der Metropole am Bosporus, ein aussagestarker Beleg dafür, dass die Geschichte öfter mal rückwärts läuft. Und dass es sich lohnt, in ihr nicht nur nach historischem Glanz zu fahnden, sondern erst recht nach verlorener Freiheit. Dokus wie diese, Stadtporträts mit historischer Tiefenlotung, sind dazu bestens geeignet.

Barbara Sichtermann (EPD-Medien 6.10.2010)

_________________________________________________________________________________________

HÜRDENLAUF – Der Weg zum deutschen Pass (HR-ARD 1989)

Ausländische Journalisten im deutschen Fernsehen? Wenn, dann doch höchstens „in Alibi- Sendungen“. „Außerhalb dieser ,Nischen‘ kommen sie kaum vor. Und wenn, dann sind sie auf Ausländerthemen abonniert.“ Kamil Taylan, Fernsehjournalist beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main, gehört zu den wenigen Ausnahmen. Ausländische Kollegen in „Fremdrevieren“, sagt er selbst, könne er bei den 11 Rundfunkanstalten der ARD“ an einer Hand abzählen“. Ein Wunder sei es nicht, daß es keine festangestellten ausländischen Redakteure gebe – die fatale Regierungsparole „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ präge noch immer die Köpfe der Rundfunkgremien.

Inzwischen hat er sich als Journalist etabliert. Seine Berichte sind auch in der Tagesschau zu sehen. Keiner fragt mehr nach seiner Herkunft. In Deutschland hat er nun Wurzeln geschlagen: Der Heirat mit einer Deutschen folgte bald die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft. Letzteres sei ausschließlich Ergebnis „praktischer Erwägungen“ gewesen. „In meinem Beruf muß ich viel reisen. Mit dem türkischen Paß braucht man für praktisch alle europäischen Länder ein Visum. Jedesmal irgendwelche Botschaften abzuklappern – das war mir zu anstrengend“, erklärt Kamil Taylan. Er sei in der Türkei geboren und bleibe ein Türke.

Das Themenspektrum der Beiträge und Features, die der gebürtige Istanbuler als sogenannter fester freier Mitarbeiter in der Redaktion für Politik und Gesellschaft unterbringen kann, ist breit gefächert: es reicht von den Greueln des Balkankrieges über Probleme der Inneren Sicherheit bis zu den Folgen, die sich aus dem neuen Asylrecht ergeben. Für seine Arbeiten ist Kamil Taylan mehrfach ausgezeichnet worden. 1989 wurde ihm für die Dokumentation „Tod in Frankfurt“ über den tragischen Werdegang einer Drogenabhängigen der Preis der Bundesinnenministerkonferenz zuerkannt. Vor drei Jahren, 1990, verlieh die Bonner Ausländerbeauftragte und der WDR dem Journalisten den CIVIS-Preis für sein Feature „Hürdenlauf“, in dem die bürokratischen Schikanen im deutschen Einbürgerungsrecht beschrieben werden.

Kamil Taylan ist in der Türkei aufgewachsen. Das Abitur machte er in der deutschen Schule von Istanbul, die als Eliteschule gilt. Nach Deutschland kam der Sohn eines Ingenieurs 1970, zunächst, um die Universität zu besuchen. In der Mainmetropole Frankfurt studierte er Physik, Soziologie und Volkswirtschaft. Seinen Abschluß erlangte Taylan 1976.

„Natürlich“ habe seine journalistische Karriere in einer Ausländerredaktion begonnen, sagt er. Im Ausländerfunk des HR verdiente er sich die ersten Sporen. Von 1976 an verantwortete er einige Jahre lang die türkischen Sendungen. Ohne den leisesten Anflug von Ironie fügt der 43jährige hinzu: „Das ist halt für die nicht in Deutschland geborenen Ausländer vor 20 Jahren der einzig denkbare Einstieg in den Beruf gewesen.“ Viel geändert hat sich daran wenig. Anfang der 80er wechselte Taylan dann zum Fernsehen. „Gastarbeiterliteratur“ und „Gastarbeiterkultur“ waren die Inhalte seiner ersten Fernsehproduktionen. „Was sonst?“ fragt er. Mit anderen Themenangeboten wäre er damals als nicht „kompetent“ eingestuft worden.

An der Lernfähigkeit der Deutschen („Ich meine damit die Mehrheit“) hat der türkische Journalist mit deutschem Paß aufgehört zu glauben. „Wir haben die größten Analysen zum Thema Ausländer gemacht, alles versucht, um dem Rassismus etwas entgegenzusetzen. Nichts hat es gebracht. Durch die Öffnung der Mauer haben die Deutschen einen nationalistischen Aufwind bekommen, den sie nicht verkraften.“ Und es seien nicht die rechtsradikalen Organisationen, die den Weg für Brandanschläge freigemacht hätten, sondern die traditionellen Parteien. Mit der von ihnen entfachten Asyldiskussion hätten sie versucht, „rechts zu überholen“. Die geistigen Täter von Mölln und Solingen seien in Bonn zu suchen.

Der von der CDU aufgestellte Präsidentschaftskandidat Steffen Heitmann, vom Kanzler höchstpersönlich protegiert, passe – so Taylan – zum Zeitgeist, der heute wieder Kleingeist geworden sei. Heitmann nimmt Worte wie Überfremdung vorbehaltlos in den Mund, spricht gar davon, daß ein Ausländeranteil von 27 Prozent in einer Stadt wie Frankfurt „unerträglich“ sei. Taylan: „Wegen Heitmann würde ich nicht auswandern. Aber auch wenn der Cohn-Bendit Präsident werden würde, würde das meine pessimistische Grundhaltung über die Toleranzfähigkeit der Deutschen kaum ändern.“

In seinem Haussender gebe es bei solchen Themen keine Berührungsängste. „Der Hessische Rundfunk hat mich nie zensiert oder mir Auflagen gemacht“, betont er. Solange das so bleibe, denke er nicht an Rückkehr in die Türkei. 

(FRANCO FORACI in der TAZ – 18.9.1993)

_________________________________________________________________________________________

TAUCHFAHRT IN DIE ANTIKE – (HR – arte 2009)

Auf dem Grund der Ägäis liegen die Zeugen einer fernen Vergangenheit: die Überreste uralter Schiffe, die einst im Meer zwischen den Küsten Griechenlands und der heutigen Türkei kreuzten.

Sie zerschellten an Klippen, kenterten im Sturm, wurden in Kriegen versenkt. Jedes Schiff erzählt eine Geschichte, die Forscher lesen können. Der Film folgt den Unterwasserarchäologen bei ihren spannenden und bisweilen riskanten Tauchgängen in die Antike.

Er zeigt ihre Methoden und die langwierige Arbeit nach der Hebung: die Rekonstruktion eines Schiffs und seiner letzten Fahrt. Woher kam es? Wohin fuhr es? Was hatte es geladen? Wo stand die Werft, in der es gebaut wurde, und wer waren die Menschen, die mit ihm untergingen?

_________________________________________________________________________________________