Die Bananenrepublik? Oder doch Die Islamische Republik Türkei?

Ein Sonntag Morgen in Istanbul. Es ist Corona Zeit, Ausgangssperre. Die Menschen sind aber wach. Noch im Schlafanzug sitzen sie vor dem Fernseher. Man glotzt auch nicht die üblichen Kanäle, TRT oder CNN, sondern YouTube. Die Blicke sind fast anderthalb Stunden gerichtet auf das durch mehrere plastisch-chirurgische Eingriffe verjüngte Gesicht eines Mafia-Bosses. Sowas gab es nie. Nicht in der Türkei, nicht auf der ganzen Welt. 11 Millionen, oder 12, oder doch noch mehr Menschen glotzen seit acht Wochen einem Mafioso. Jedesmal anderthalb Stunden lang. Jener erzählt, wie der Staat in diesem Land funktioniert hat. Der islamische Mafiastaat.

Durch die Veröffentlichung seines achten Videos an einem weiteren Sonntagmorgen, hat der türkische Mafia-Boss Sedat Peker die Aufmerksamkeit der Nation auf die illegale Bewaffnung der dschihadistischen Organisationen in Syrien gelenkt. Illegale Lieferungen des türkischen Staates an die islamistischen Terroristen in Syrien.


„Lassen Sie uns die erste Büchse der Pandora öffnen“, sagte Peker. „Was brauchen Sie, um in Syrien Handel zu treiben? Sie gehen zunächst zum Herrn Metin Kıratlı, dem Präsidialdirektor für administrative Angelegenheiten in der Külliye. „Külliye“, oder „Campus“, ist der Name, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan für seinen Präsidentenpalast mit den 1000 Zimmern verwendet.

„Geschmuggeltes Rohöl, Tee, Zucker, Aluminium, Kupfer, Gebrauchtwagen… Das summiert sich zu Milliarden von Dollar, zu riesigen Summen“, erzählt Peker.

Kıratlıs, also die Zustimmung des Palastes würde potenziellen Schmugglern eine Audienz bei der MT Group verschaffen, sagt Peker, womit ein Handelwilliger, Herrn Murat Sancak, einen engen Verbündeten von Erdoğan und den Erben des führenden türkischen Militärfahrzeugherstellers BMC, und Ramazan Öztürk, den Sohn von BMC-Vorstandsmitglied Talip Öztürk, ansprechen dürfen.

„Wenn man an ihnen vorbei ist, kann man zum Finanzmann von al Nusra, Abu Abdurrahman, gehen. Er nennt sich manchmal auch Abu Sheima. So funktioniert der Handel jetzt“, erzählt Peker weiter.

Und fast so nebenbei, sagt der Mafioso: Berat Albayrak, Erdoğans Schwiegersohn und ehemaliger Finanzminister, der seit seinem umstrittenen Rücktritt im November letzten Jahres nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden ist, versteckte sich in einem Haus, das Murat Sancak in Istanbuls westlichem Stadtteil Beylikdüzü besitzt.

Als Reaktion auf Erdoğans Äußerungen vom Mittwoch vergangener, dass Kriminelle ins Land gebracht und den Gerichten übergeben würden, sagt Peker: „Würde es etwas an der Wahrheit ändern, wenn man mich ins Land entführt, Bruder Tayyip? Du (Erdogan) sagst, ich sei Teil einer internationalen Verschwörung gegen die Türkei. Dann werde ich im nächsten Video mit Bruder Tayyip sitzen und mit ihm von Bruder zu Bruder sprechen.“

„Ich war dabei, als Du noch keine Macht hattest. Keiner von deinen jetzigen Lakaien war da“, erzählt der Mafioso, an Erdoğan gerichtet, „ich habe dir an die Macht geholfen. Im nächsten Video werde ich dich daran erinnern, wenn wir beide über unsere Sünden reden werden“. Natürlich wird nur der Mafioso nächsten Sonntag reden, falls Erdogans Schergen das Versteck von Sedat Peker nicht vorher ausfindig machen, ihn in die Türkei entführen, oder ihn liquidieren sollten.

Peker gibt an diesem Sonntag Details über die Lastwagen des türkischen Geheimdienstes MIT bekannt. Über die LKWs, die mit von Sedat Peker gekauften Waffen, Munition, Uniformen für die Turkmenen in Syrien beladen waren.

„Drohnen, Funkgeräte in ausreichender Menge für alle Kämpfer dort, kugelsichere Westen, dies und das, mehrere Lastwagen voll…“ beschreibt der Mafioso Peker den von ihm bezahlten und organisierten Transport in seinem Video. „Wir haben uns dieses Projekt ausgedacht und mit einem befreundeten Parlamentarier gesprochen. Er nahm die Idee auf und gab sie an die nötigen Stellen weiter. Dann sagten sie, sie würden uns zusätzliche Lastwagen geben, die neben unseren fahren.“

Peker sagte, es habe auch eine Ladung „humanitäre Hilfe“ gegeben, als Werbung für den Mafioso sozusagen.

„Wir wussten nicht, was in den Fahrzeugen war“, sagte Peker, bevor er sich sofort korrigiert, „wenn ich sage, wir wussten es nicht, dann meine ich, wir wussten es natürlich, dass Waffen und Munition drin waren, aber wir sollten es offiziell nicht wissen. Ich bin ja kein naives Kind.“

Die Organisation sei nicht über den Inlandsgeheimdienst MİT abgewickelt worden, wie in oppositionellen Medien berichtet worden, sagt Peker, der Geheimdienst war nur an der Organisation des Transports beteiligt.

Laut dem Mafia-Boss waren die Waffentransfers von SADAT organisiert, einer Verteidigungsberatungsfirma, die einem ehemaligen Sicherheitsberater von Erdoğan gehört.

„Es gab keine Dokumente, keine Aufzeichnungen“, sagt Peker. „Ich habe alles mit meinem eigenen Geld gekauft.“

Peker sagte, seine Männer lieferten Hilfsgüter an Turkmenen in Syrien aus, die Videos zurückschickten, um sich zu bedanken. In einem der Videos sprachen einige Männer Arabisch, fügt er hinzu. „Dann sagten unsere turkmenischen Freunde, diese Männer gehörten zu Al Nusra. Andere bestätigten, dass die Lieferung an al Nusra ging. Ja, meine Lieferung. Ich bin ehrlich. Ich habe sie nicht zu denen geschickt, das war SADAT.“

Ist Sedat Peker glaubwürdig? Ich meine, ja. Er tritt als Lieferant von Waffen auf, durch seine Aussage belastet er weitgehend sich selbst. Und jetzt hat Erdogan ein großes Problem. Er ist mit involviert in die Waffenlieferungen an radikale Islamisten in Syrien, denn seine engsten persönlichen Berater hatten alles genehmigt. Mit anderen Worten die Türkei forciert den Krieg in Syrien, und somit auch die Flucht der Zivilbevölkerung nach Europa. Dann verlangt Erdogan Milliarden von den Europäern, um die Weiterflucht von syrischen Flüchtlingen in die EU zu verhindern. Und er erhält die Milliarden.

Sowas gibt es nicht mal in einer Bananenrepublik, aber anscheinend doch schon in der islamischen Republik Türkei.

schön hier zu leben

Ich werde oft gefragt, „Herr Taylan, haben Sie nicht Heimweh?“

„Nein“, antworte ich.

Nein, ich habe wirklich keine Sehnsucht nach Istanbul, auch keine Sehnsucht nach der restlichen Türkei. Ich kenne auch keinen einzigen Grund, warum ich Sehnsucht haben sollte?

Sehnsucht nach Erdogan? Sehnsucht nach der Scharia? Sehnsucht nach den Menschen, die mehrheitlich ihn gewählt haben? Sehnsucht nach männlichen Kreaturen, die statistisch gesehen, täglich mindestens 3,7 Frauen umbringen, vergewaltigen oder missbrauchen? Die Kinderopfer sind übrigens in dieser Statistik nicht mitgezählt.

Gestern hat Erdogan den Austritt seines Reiches aus der Istanbuler Konvention des Europarates bekannt gegeben. Aus einer Konvention, die Gewalt gegen Frauen europaweit verhüten und bekämpfen sollte. Eine Konvention, welche der islamischen Wareneigenschaften der Frau Grenzen setzte, hat leider nicht in das Konzept der Scharia gepasst. Weg damit! Dabei hatte Erdogan die Konvention vor einigen Jahren in Istanbul selbst initiiert und als erster unterzeichnet.

Anscheinend ist Erdogan in Panik. Gestern mitten in der Nacht hat der türkische Präsident den Zentralbankchef nur nach wenigen Monaten im Amt „freigestellt“. Jener hatte die Zinsen erhöht, um den freien Fall der türkischen Währung zu stoppen, die Inflation auch. Aber Zinsen sind laut der Scharia verboten. Und der Islamist und Analphabet Erdogan wird jetzt mit dem neuen Zentralbankchef die Zinsen gen Null bewegen. Das ist gut so, beschleunigt nur noch den Untergang, verkürzt die Schmerzphase.

Ehrlich gesagt, ich will auch nicht dabei sein, wenn der 17. von Türken gegründete Staat untergeht. Ja, tatsächlich sollen die Türken in ihrer Geschichte 17 Staaten gegründet haben, 16 davon sind verschwunden. Erdogans Reich ist der 17. Staat. Ihr würdet auch keinen einzigen Türken finden, der die Namen aller dieser Vorgängertaaten aufzählen könnte. Aber wir alle müssen stolz sein auf diese 17 Staaten. Das wird inzwischen von jedem Schüler in der Schule verlangt.

Stolz sein darauf, dass wir Türken 16 eigene Staaten in die Geschichte versenkt haben?

Diese Frage sollte man in Istanbul, meiner Heimatstadt lieber nicht stellen? Ich zum Beispiel hätte dann das 19. Ermittlungsverfahren.

Ja, das ist auch einer der Gründe, warum ich heimwehlos bin. Ich würde auch in der Türkei eine Unterkunft gestellt bekommen, Kost und Logis frei. Nur das Auschecken wird etwas problematisch sein.

Jetzt kommt bestimmt die Frage, hast du nicht Sehnsucht nach deinen Freunden in der Türkei? Nein, antworte ich. Ich spreche mit vielen von ihnen fast täglich. Wenn ich in Istanbul wäre, würde ich sie auch nicht unbedingt treffen können. Eine Fahrt in Istanbul dauert hin und zurück fast einen halben Tag, gespürt einen ganzen Tag. So sitze ich auf dem Couch und rede mit allen.

Ausserdem erwarte ich ganz andere Entwicklungen, ganz andere Lichtblicke. Der türkische Präsident verbietet derzeit fast alle kurdischen Parteien und Organisationen. Die pro kurdische HDP wird verboten, allen ihre Funktionsträger müssen mit einem „Politikverbot“ rechnen. Ich frage mich, was bleibt einem politisch Interessierten kurdischen Bürger noch übrig? Ausser? Ausser der Flucht nach Europa, nach Deutschland. Die Begründung zum Asylantrag liefert Erdogan stündlich mit seinen neuen Massnahmen. Vielleicht sehen wir uns alle demnächst in Berlin oder in Paris?

Es ist einfach schön hier zu leben.