schön hier zu leben

Ich werde oft gefragt, „Herr Taylan, haben Sie nicht Heimweh?“

„Nein“, antworte ich.

Nein, ich habe wirklich keine Sehnsucht nach Istanbul, auch keine Sehnsucht nach der restlichen Türkei. Ich kenne auch keinen einzigen Grund, warum ich Sehnsucht haben sollte?

Sehnsucht nach Erdogan? Sehnsucht nach der Scharia? Sehnsucht nach den Menschen, die mehrheitlich ihn gewählt haben? Sehnsucht nach männlichen Kreaturen, die statistisch gesehen, täglich mindestens 3,7 Frauen umbringen, vergewaltigen oder missbrauchen? Die Kinderopfer sind übrigens in dieser Statistik nicht mitgezählt.

Gestern hat Erdogan den Austritt seines Reiches aus der Istanbuler Konvention des Europarates bekannt gegeben. Aus einer Konvention, die Gewalt gegen Frauen europaweit verhüten und bekämpfen sollte. Eine Konvention, welche der islamischen Wareneigenschaften der Frau Grenzen setzte, hat leider nicht in das Konzept der Scharia gepasst. Weg damit! Dabei hatte Erdogan die Konvention vor einigen Jahren in Istanbul selbst initiiert und als erster unterzeichnet.

Anscheinend ist Erdogan in Panik. Gestern mitten in der Nacht hat der türkische Präsident den Zentralbankchef nur nach wenigen Monaten im Amt „freigestellt“. Jener hatte die Zinsen erhöht, um den freien Fall der türkischen Währung zu stoppen, die Inflation auch. Aber Zinsen sind laut der Scharia verboten. Und der Islamist und Analphabet Erdogan wird jetzt mit dem neuen Zentralbankchef die Zinsen gen Null bewegen. Das ist gut so, beschleunigt nur noch den Untergang, verkürzt die Schmerzphase.

Ehrlich gesagt, ich will auch nicht dabei sein, wenn der 17. von Türken gegründete Staat untergeht. Ja, tatsächlich sollen die Türken in ihrer Geschichte 17 Staaten gegründet haben, 16 davon sind verschwunden. Erdogans Reich ist der 17. Staat. Ihr würdet auch keinen einzigen Türken finden, der die Namen aller dieser Vorgängertaaten aufzählen könnte. Aber wir alle müssen stolz sein auf diese 17 Staaten. Das wird inzwischen von jedem Schüler in der Schule verlangt.

Stolz sein darauf, dass wir Türken 16 eigene Staaten in die Geschichte versenkt haben?

Diese Frage sollte man in Istanbul, meiner Heimatstadt lieber nicht stellen? Ich zum Beispiel hätte dann das 19. Ermittlungsverfahren.

Ja, das ist auch einer der Gründe, warum ich heimwehlos bin. Ich würde auch in der Türkei eine Unterkunft gestellt bekommen, Kost und Logis frei. Nur das Auschecken wird etwas problematisch sein.

Jetzt kommt bestimmt die Frage, hast du nicht Sehnsucht nach deinen Freunden in der Türkei? Nein, antworte ich. Ich spreche mit vielen von ihnen fast täglich. Wenn ich in Istanbul wäre, würde ich sie auch nicht unbedingt treffen können. Eine Fahrt in Istanbul dauert hin und zurück fast einen halben Tag, gespürt einen ganzen Tag. So sitze ich auf dem Couch und rede mit allen.

Ausserdem erwarte ich ganz andere Entwicklungen, ganz andere Lichtblicke. Der türkische Präsident verbietet derzeit fast alle kurdischen Parteien und Organisationen. Die pro kurdische HDP wird verboten, allen ihre Funktionsträger müssen mit einem „Politikverbot“ rechnen. Ich frage mich, was bleibt einem politisch Interessierten kurdischen Bürger noch übrig? Ausser? Ausser der Flucht nach Europa, nach Deutschland. Die Begründung zum Asylantrag liefert Erdogan stündlich mit seinen neuen Massnahmen. Vielleicht sehen wir uns alle demnächst in Berlin oder in Paris?

Es ist einfach schön hier zu leben.

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